Adobe Acrobat Reader DC – des Fortschritts reinste Seele

adobe reader dcKürzlich, also vor einer Stunde, habe ich den neuesten Adobe Reader aufgespielt. Und es kam was kommen musste.

Zunächst mal hat man sich mit „DC“ einen umwerfend spleenigen neuen Namen ausgedacht für dieses wahnsinnig innovative Werkzeug, das dennoch einfach die gleiche Software bleibt, die sie vorher war, nämlich ein Programm (im wesentlichen) zum Lesen von Dokumenten. Nicht mehr und nicht weniger. Freilich, es bietet Werkzeuge zur Korrektur undsoweiter. Aber weil unter der Haube in Wirklichkeit recht wenig Neues gedeiht – gibt ja nichts, was an so einem Reader umwerfend verbessert werden könnte -, muss wenigstens der Lack geändert werden.

Wo sind meine Symbole?

Diese Zwanghaftigkeit schlägt sich als erstes darin nieder, dass nach dem Update meine Icons oben in der Symbolleiste alle futsch sind. Finde ich richtig gut! Nach ungeduldigem Rumgeschiebe mit der Maus taucht am unteren Rand des „Readers“ aus dem Nichts eine schwebende Symbolpalette auf. Gleich die nächste Sensation an Erfindungsreichtum.

Zu etwa einem Siebzehntel Prozent beschwichtigt mich, dass ich mit dem ganz rechten Symbol dieser optischen Genialität die Palette wieder dahin befördern kann, wo sie hingehört, nämlich oben in die Symbolleiste, wo ja sowieso schon Symbole sind! Warum also nicht auch diese hier, die jeder ständig braucht, nämlich Vergrößern, Verkleinern, Bildlauf, Fenstergröße??? Ach Verzeihung, dann wär es ja nicht genial.

Das ist alles so unglaublich innovativ, dass ich vor Ehrfurcht fast zu atmen vergaß. Stattdessen musste ich sofort niederschreiben, was ich davon halte.

Warum schlau, wenn’s auch anders geht?

acrobat reader dc ausschnittBei meiner letzten Version (Reader X? Reader XI?) war es ja so: Man klickte oben rechts auf „Werkzeuge“ und bekam auf der rechten Seite die Werkzeugspalte angezeigt, auf der man unter allen möglichen Sachen auswählen konnte, was eben an Werkzeugen so verfügbar war. Diese schmale Werkzeugspalte, die die Lesebreite meines Dokuments verringert, hatte ich ständig ausgeblendet. Bei Bedarf klickte ich rechts oben auf „Werkzeuge“ und bekam sie dann angezeigt.

Auch beim neuen „DC“ blende ich die Werkzeugleiste aus. Nervt ja nur. Wenn ich aber jetzt auf „Werkzeuge“ – plötzlich links oben – klicke, legt sich eine ganze Seite mit Symbolen über mein Dokument. Oben rechts taucht ein Kreuz auf (siehe Bild), als könne man damit diese Symbolesammlung schließen. Denkste. Da erscheint beim Mouseover ein Flyout mit dem Text „Suchbegriffe entfernen“. Ein Kreuzchen höher schließe ich das Dokument, das sich unsichtbar im Hintergrund befindet. Noch ein Kreuzchen höher schließt sich freilich das Programm.

Um auf sein Dokument zurückzufinden, muss man nun links oben auf „Dokument“ klicken. Hatte man die senkrechte Werkzeugleiste rechts, so wie ich, ausgeblendet, ist diese nun wieder eingeblendet und man muss sie erneut verstecken, indem man auf ein möglichst schmal designtes Knöpfchen in Dreiecksform klickt. Der Sinn hinter der gesamten Funktionalität ist schon klar, aber der Sinn hinter der Idee will einfach nicht intelligent wirken. Das ist naturgegeben immer so, wenn Bedienelemente identisch heißen, aber sich plötzlich anders verhalten. Wer so etwas programmiert, denkt nicht. Oder er weigert sich nicht standhaft genug, derlei Müll entwickeln zu müssen. Beides würde möglichst schmerzhaft geahndet gehören. Stattdessen kleidet man es in das Mäntelchen der „Innovation“.

Never touch a running system

Übrigens ist das der Grund, warum ich ein Windows-10-Update noch sehr lange vor mir herschieben werde: Die Masse der Softwareentwickler (oder die Entscheider, die sie zwingen) wird die nächsten 20 Jahre – wenn überhaupt je – nicht kapieren, warum KFZ-Lenkräder seit über 100 Jahren Lenkräder bleiben, egal welches Fahrzeug man kauft. Einfach niemand hat Bock drauf, nach der neuen Lenkfunktion suchen zu müssen, weil sie vom Fahrzeughersteller aus krampfhaftem Innovationszwang geändert wurde.

Apropos Adobe – sind das nicht die, die seit Jahren immer noch vergeblich versuchen, mir ihr unsägliches Lizenzmodell anzudrehen? Pustekuchen. Und die eigentliche Neuerung dieses Readers kostet eigentlich nämlich Geld, wenn man sie uneingeschränkt nutzen will (PDF-Export nach Word oder Excel). Schätze, „DC“ steht schlicht und ergreifend für „Du, Cash!“

Vielen Dank fürs Gespräch.

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One Response to Adobe Acrobat Reader DC – des Fortschritts reinste Seele

  1. Siggi says:

    puh, das ist ja mal wieder VOLL KRASS !
    Wieso nennen die sich überhaupt Software-Entwickler? Weil entwickelt wird ja rein gar nichts, sondern die Teile des Buffets nur hin und her geschoben – so wie es ja Word, Windows etc. bereits seit Jahren tun…
    Mein Gott, wie das NERVT.

    Es erinnert mich auch z.B. an die Verpackung meiner Filtertüten (Melitta): Das war mal richtig gut und man konnte an der schmalen Seite den Deckel so weit hochklappen, dass man oben ganz bequem eine Filtertüte herausnehmen konnte. Der Innovationszwang (NEU! NEU! NEUNEUNEU!!!! GREIFEN SIE ZUUUUUU!!!!!) hat es gewollt, dass die Verpackung nun an der Längsseite geöffnet werden soll – HA!, aber nicht über die gesamte Länge, nein, nur ein ausgewählter Ausschnitt. Und man jetzt also die Filtertüte mühselig dort herausfummeln soll, wobei sie – wenn man Pech hat, sie an den Kanten des Verpackungsrandes vielleicht sogar noch einreißt (oder aus lauter WUT, weil man das blöde Ding nicht mehr herausbekommt).
    Was habe ich doch für ein Glück mit meiner „konservativen“ Einstellung, die mich veranlasst hat, ein älteres Modell aufzuheben und ich jetzt jedesmal die Tüten einfach umfülle.

    Oder die Verschlusseinrichtung von Wasa-Knäckebrottüten: das war mal richtig gut und man konnte die Tüten wieder mühelos zukleben und wieder öffnen. Nun ist das gesamte Päckchen zerstört bereits beim ersten Öffnen, weil der Kleber so stark ist, dass er sich nicht mehr mühelos überhaupt öffnen lässt. Achja: Und zu schwach bzw. gar nicht mehr vorhanden, wenn man das Päckchen wieder schließen möcht‘.

    Ich frage mich wirklich, was für ein schräges System das ist, mit dem unsere Wirtschaft funktioniert.

    Ich meine, das weiß man ja; dass Werbung & Co. uns vornehmlich an der Nase herumführen, aber dass etwas, was bereits funktioniert wieder zerstört wird und nicht-funktionierende Dinge überhaupt nicht weiterentwickelt werden, das kann einem denkenden Menschen nur unbegreiflich sein.

    Wird allerhöchste Zeit für einen Paradigmen-Wechsel! Morgen, Gestern – BALD!!!

    Herzlichen Dank für den Beitrag,
    liebe Grüße, Siggi

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