Österreichischer Provider reserviert deutsche Domains gegen Gebühr

Domain-Catching-Postkarte

Am 14.7.14 – zu diesem Zeitpunkt hieß meine Domain herlet.net – landete eine Postkarte in meinem Briefkasten. Die Abbildung auf der Vorderseite war ein Screenshot von meiner eigenen Homepage www.herlet.net. Quer darüber gedruckt stand in großen roten Buchstaben „Ihre neue Domain: www.herlet.de“.

Auf der Rückseite gab sich der Absender als ein österreichischer Provider zu erkennen. Er teilte mir mit, dass die Domain herlet.de durch den bisherigen Inhaber gelöscht worden sei. Ich hätte daher nun die „vermutlich einmalige Gelegenheit“, mir „die Internet-Adresse www.herlet.de zu sichern.“ Als Absender-Person gab sich niemand Geringerer als der Geschäftsführer selbst die Ehre.

Dann wurden mir die Vorteile aufgezählt, die eine deutsche Domain mit meinem Namen für mich hätte. Aber um sie zu bekommen, solle ich auf die österreichische Provider-Website gehen.

Alle Alarmglocken auf ON

Zunächst prüfte ich bei der Denic den Status von herlet.de. In der Tat stand da „Die Domain „herlet.de“ wurde am 11.07.2014 gelöscht und befindet sich derzeit in einer Karenzzeit (Redemption Grace Period – RGP).“

Äußerst misstrauisch suchte ich oben genannte österreichische Website auf. Ich landete auf einem Bestellformular. Dort wurde versprochen, man monitore ab dem Zeitpunkt der Bestellung die gewünschte Domain. Sobald die Domain frei sei, werde versucht, diese zu registrieren. Man verfüge über mehrere Server mit sehr guter Anbindung zur Domainvergabestelle und prüfe die Domains mehrfach innerhalb von Millisekunden.

Da angeblich viele verschiedene Registrare versuchten, die frei werdenden Domains zu registrieren, sei dies mit einem erheblichen technischen Aufwand von ihnen und ihren Partnern verbunden. Je mehr der Kunde bezahlen würde, desto mehr Partner beauftragten sie mit der Registrierung, was die Chance, die Domain zu bekommen, erheblich erhöhen würde.

Wer viel Geld hat, kann seine Wunsch-Domain „catchen“ lassen

Im Klartext: Diese GmbH in Österreich greift – freilich im Auftrag desjenigen, der die Domain haben will – ständig den Registrierungszustand einer – in diesem Fall deutschen – Domain ab und registriert sie nach Freiwerden schnellstmöglich auf sich selbst, um sie an den deutschen Auftraggeber gegen Gebühr zu verkaufen. Je höher diese Gebühr, desto höher angeblich die Chance, die Domain zu bekommen.
Na das nenne ich mal ein lustiges Geschäftsmodell!

Ich verfasste ein Schreiben an die Denic mit der Anfrage, ob dieser nachbarländische Provider tatsächlich Denic-Mitglied und wirklich berechtigt sei, deutsche Domains für sich zu vereinnahmen. Außerdem bat ich um Information, wie ich Ansprüche für meine Wunsch-Domain geltend machen könne bzw. ob ich dazu evtl. einen Dispute-Antrag stellen müsse.

Kurzer Rückblick auf die Historie

Die Domain herlet.de verfolge ich schon viele Jahre. Zeitweise sah die Domain verwaist aus, war aber vergeben, manchmal erhielt ich beim Aufruf ein „forbidden“, dann wieder hieß es „Hier entsteht eine neue Internetpräsenz“. Letztes Jahr (2013) fand ich sie bei sedo.de geparkt zum Verkauf vor. Spaßeshalber versuchte ich, sie zu ersteigern. Als sich herausstellte, dass der Verkäufer 500 Dollar als Mindestgebot festgelegt hatte, suchte ich fluchtartig das Weite.

Nachdem ich mich 2013 von der Idee, diese Domain zu bekommen, verabschiedet hatte, kam sie nun in 2014 plötzlich zu mir zurück. Seltsame Entwicklung.

Eine Reaktion von der Denic

Herr und Frau Denic bestätigten mir, dass besagter Provider Mitglied in ihrer Genossenschaft sei. Er handle aber nicht im Namen von DENIC. Ich könne jedenfalls nach dem Prinzip „first come, first served“ versuchen, meine Domain selbst zu registrieren. Sofern mir jemand zuvor kommen oder der alte Inhaber die Domain während der RGP (oben genannte Karenzzeit) wiederherstellen sollte, könne ich alternativ einen DISPUTE-Antrag stellen, wenn ich beabsichtigen würde, mich mit dem Domaininhaber um die fragliche Domain auseinandersetzen zu wollen.

Mit anderen Worten: Es steht mir frei, zu versuchen, über meinen Provider mittels handelsüblicher Bestellung die Domain zu ergattern. Schnappt sie sich jemand anders, kann ich den Rechtsweg beschreiten.

Laienhafte Schlussfolgerungen

Ich dachte über die Vorgehensweise des Österreichers nach. Wie kamen diese Herrschaften eigentlich auf mich? Offenbar prüfen sie automatisiert ständig ab, welche vergebenen Domains frei werden. Der Herr Geschäftsführer bekommt allmorgendlich wahrscheinlich ein Excelsheet mit frei gewordenen de- (und anderen Toplevel-) Domains zusammen mit seiner Kronen Zeitung zum Kaffee serviert. Jeder dieser de-Domainnamen hat eine Aufzählung gleichnamiger net-, com-, biz- und was-weiß-ich-Domains angehängt, die bereits existieren. Die muss er sicherlich alle im Browser aufrufen, um einschätzen zu können, ob die wohl an einer de-Adresse interessiert sein könnten (und andere Länder, wette ich). Bei der frei werdenden herlet.de stellt er fest, da taucht ein herlet.net auf, der Grafik, Webdesign und Musik macht und außerdem noch einen Blog betreibt. Der ist aktiv und bestimmt geil auf die de-Domain. Opfer gefunden.

Der Provider ruft mich an!

Am Dienstag, den 29.7.14 zur besten Mittagszeit kurz nach 12 Uhr klingelte mein Telefon. Es meldete sich niemand Geringerer als der auf der oben erwähnten Postkarte genannte Geschäftsführer! Nach den handelsüblichen Begrüßungsfloskeln meinte er, ich hätte ja kürzlich Post von ihm bekommen, was ich mit „ist mir nicht entgangen“ kommentierte.

Er zählte mir gleich alle Vorteile auf, die so eine Domain für mich haben könne. Er hatte seine Postkarte offensichtlich auswendig gelernt. Dann ging er zügig über auf das Bezahlmodell und dass mit höherer Investition meinerseits die Wahrscheinlichkeit steige, die Domain registriert zu bekommen. Aber bei Misserfolg wäre nichts zu entrichten. Die Erläuterungen dauerten ein wenig. Als der Mann eine Erzählpause einlegte, machte ich ihm klar, mein Nachname wäre ja nicht mit einem eingetragenen Firmennamen zu vergleichen und Leute fänden mich im Internet nicht über meinen Namen sondern vielmehr über meine Dienstleistungen. Er rechnete mir vor, dass man mit 500 Euro schon ein bisschen was bewegen könne, aber mit 5000 verständlicherweise noch viel mehr.

5000 Euro! Wenn ich mir vorstelle, was für einen Computer ich mir für dieses Geld hinstellen könnte!

Ich erzählte ihm die Geschichte, wie ich der Auktion auf sedo.de eine Abfuhr erteilt und 500 Dollar als entschieden zu hoch eingestuft hatte. Und ich machte ihm unmissverständlich klar, dass ich mit herlet.net vollkommen zufrieden sei. Im Folgenden stellte ich seine Leistungen in Frage und rechnete ihm seinen geringen Aufwand vor. Da fing er an, mir von den bisherigen unentgeltlichen Investitionen seiner Firma in meiner Sache zu erzählen, unter anderem die Karte, die er mir geschickt hatte. Ich lachte kurz und sagte „kein Mensch hat Sie aufgefordert, diese Karte anzufertigen und mir zu schicken“. Er lenkte ein. Dann gab ich zu verstehen, dass 150 Euro für mich schon das höchste der Gefühle seien. Er meinte, es gäbe ja auch noch andere Interessenten und verwies auf einen nachnamensgleichen Internetauftritt eines Fotografen. Den wolle er als nächstes kontaktieren.

Aussagen können wahr sein, müssen es aber nicht

Nun wollte ich erst mal die Anzahl seiner Mitarbeiter wissen. Er gab 6 an. Dann fragte ich ihn, wie ich sicher sein könne, dass er nach meinem Auftrag nicht andere potenzielle Auftraggeber kontaktieren würde, um mit denen einen höheren Preis auszuhandeln. Er reagierte nicht mal entrüstet, als wäre die Frage für ihn nicht neu, und entgegnete, sie seien schließlich ein seriöses Unternehmen. Wenn ich den Auftrag erteilen würde, egal zu welchem Preis, könne ich mich darauf verlassen, dass versucht werde, die Domain für mich zu reservieren und für niemand anderen.

Na gut, dachte ich und bat um Zusendung einer Mail, die ich als Auftrag zurücksenden könnte. Gleichzeitig bat ich mir noch einen Tag Bedenkzeit aus. Er sagte für den Betrag von 150 Euro zu und wir beendeten das Gespräch.

Die Gewissensfrage

Nun ist es freilich so, dass ich dieses Geschäftsmodell für ziemlich bis reichlich anrüchig halte. In Schwaben würde man sagen, das hat ein „Gschmäckle“. Darum war mein erster Impuls, schon aus Prinzip dieses Modell nicht zu unterstützen.

Auf der anderen Seite redeten wir hier ja letztlich von keinem Betrag, verglichen mit der Preisspanne, die mir ursprünglich offeriert und für die die Domain noch vor wenigen Monaten über Sedo zur Versteigerung angeboten worden war, nämlich 500 Dollar. 150 € verlieren sich doch in den alljährlichen Geschäftskosten, dafür, dass man dann im günstigsten Fall seine „eigene“ .de-Domain auf die Visitenkarte schreiben kann. Wie heißt es so schön? Das verschwindet im „Hintergrundrauschen“. Und steuerlich absetzbar ist es obendrein auch.

Der geneigte Leser mag das verwerflich finden: Ich warf meine Prinzipien über Bord und beauftragte den gefühlt zwielichten Hoster mit dem Domain-Catching, wie es im Fachjargon gern genannt wird. Da bis hierhin keine persönlichen Daten zu offenbaren waren, konnte nicht viel passieren, außer dass ich die Domain niemals zu Gesicht bekommen würde. Damit war dann auch das Thema für mich erst mal erledigt. Eine Woche später begab ich mich in einen zweiwöchigen Urlaub.

Hab ich sie? Oder hab ich sie nicht?

In der zweiten Urlaubswoche fiel mir dieser Vorgang wieder ein, der nun 3 Wochen zurück lag. Da mein Glaube daran ungefähr so stark war, wie mein Interesse, hatte ich das Thema die ganze Zeit nicht mehr auf dem Schirm gehabt. Nun aber dämmerte mir, dass die Domain wohl so um den 17. herum „abgelaufen“ sein musste, also vor 2 Tagen. Ich rief sie testhalber im Browser meines 7-Zoll-Tablets auf, um den Status zu sehen. „Diese Domain wurde für einen Auftraggeber gecatcht“ las ich da. Der sie gecatcht hatte, war ein völlig anderer, als obiger österreichischer Provider. Also hatte ich den Zuschlag vermutlich nicht bekommen.

Da sich in meinem Posteingang nichts tat – man schaut heutzutage (insbesondere wohl als Freiberufler) ja auch im Urlaub gelegentlich mal rein -, legte ich die Sache innerlich ad acta.

Wieder daheim erhielt ich eine Mail mit der Mitteilung, die Domain sei erfolgreich für mich registriert worden. Also doch! Ich war überrascht.

Es kam noch besser. Nachdem „die Österreicher“ meine Bezahlung erhalten hatten, wurde mir umgehend der Auth-Code zum Umziehen der Domain zu meinem deutschen Provider übermittelt. Ich transferierte daraufhin meine neue Domain herlet.de zu meinem Hoster und der Fall war erledigt.

Ob ich die Domain auch ohne Catching für mich registriert bekommen hätte, werde ich nie erfahren. Aber der finanzielle Verlust war akzeptabel.

Es fühlte sich zu guter Letzt doch tatsächlich noch fast so etwas wie seriös an. Aber nur ganz wenig.

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