Poser Pro 2014 – Wie funktionieren übergeordnete Parameter?

poser-master-reglerFür Ungeduldige wie mich: Hier gehts direkt zur Erklärung.

Ich schreibe in diesem Blog gelegentlich tutorialartig Sachen auf, um sie mir merken zu können. Auf Grund der Vielzahl der Themengebiete, in denen ich unterwegs bin, kommt es vor, dass ein halbes Jahr vergeht, bevor ich wieder mit Software XY arbeite. Abläufe, die für mich umständlich über Handbücher und weltweite Forenbeiträge herauszufinden waren, lege ich hier von Zeit zu Zeit nieder. Vielleicht sucht ja jemand danach und hat was davon.

Was sind Morphe?

Eine Poserfigur besteht, wie Figuren in anderen Programmen auch, aus einem Gittergeflecht, im Fachjargon „Mesh“ genannt. Die Kreuzungspunkte der Linien, die als Vertices bezeichnet werden, poser-maya-meshhaben X-, Y- und Z-Koordinaten. Sie bestimmen die Position eines jeden einzelnen Vertex im virtuellen Raum.

Poserfiguren können über Morphing-Regler in ihrer Form verändert werden. Mit einer kurzen Mausbewegung wird aus einer schlanken Frau eine Schwangere, aus einem drahtigen Typ einer mit Bierbauch usw.

Beim Betätigen eines Morphing-Reglers wird intern nahtlos zwischen zwei Meshes übergeblendet, die aus ein und derselben Figur erstellt wurden. Jeder Vertex wird also allmählich von seiner Start- in seine Zielposition verschoben. Genau genommen werden die Koordinaten addiert. Die Position des Endmeshes wird zum Anfangsmesh hinzugerechnet. Je weiter wir einen Drehregler verschieben, desto stärker wirkt sich das Morphing (die Addition) aus. Vertices, deren Start- und Zielkoordinaten identisch sind, sich also bei Start und Ziel an der gleichen Stelle befinden, bleiben deshalb unberücksichtigt. Es wird Null hinzugezählt. Theoretisch können beliebig viele Ganzkörper-Morphe (in Poser gerne als FBM, „Full Body Morphs“ bezeichnet) auf ein und dasselbe Mesh angewendet werden. Hat man beispielsweise zwei Regler, die den Bizeps einer Figur anschwellen lassen, so erkennt man das additive Verfahren daran, dass nach Betätigen des einen Reglers der Bizeps anschwillt und anschließend das Betätigen des zweiten Reglers den Bizeps ins Absurde erweitert, anstatt ihn zuvor zurückzusetzen. Dreht man hingegen den einen oder den anderen Regler, beeinflusst jeder für sich den Bizeps in angemessenem Umfang.

Neuen übergeordneten Parameter erstellen – Wozu?

Verändert man die Pose bzw. Erscheinung/Form einer Figur unter Zuhilfenahme zahlreicher Drehregler, so kann man alle diese Veränderungen in einem einzigen Regler zusammenfassen. Setzt man diesen übergeordneten Regler auf 0, befindet sich die Figur in der Ausgangsposition und ihrem Ursprungs-Morphing. Setzt man ihn auf 1 (oder eine beliebige Zahl ungleich Null), befindet sich die Figur dann in der Zielposition und ihrem End-Morphing. Alle Regler der Poser-Szene können übrigens gleichzeitig Teil eines einzigen übergeordneten Parameters (= Drehreglers) sein. So können auch beliebig viele Lampen und Kameras zur gleichen Zeit mit einem Regler dynamisch von einem Zustand in einen anderen gebracht werden.

poser-bewegungen-einschränkenBei komplexen Figur-Posen, die man über Regler herbeigeführt und aufgezeichnet hat, kann es zu unerwartetem Verhalten der Figur kommen (z. B. überkreuzte und deformierte Körperteile), da alle Einzelregler, die man hintereinander betätigt hat, um sie dem Zielregler zuzuweisen, bei dessen Bedienung hinterher gleichzeitig passieren (ein technisch bedingtes Phänomen, das Poser-Usern bei Animationen über die Time-Leiste ebenfalls regelmäßig begegnet).

Es empfiehlt sich, in dem Fall im Menü Figur -> Bewegungen einschränken anzuhaken. Damit wird verhindert, dass einzelne Gelenke über ihre natürlichen Bewegungsgrenzen hinaus angewinkelt werden können. Bisweilen erschwert es aber auch das freie Posen einer Figur.

Neuen übergeordneten Parameter erstellen – Wie geht das?

Ich beschreibe den Vorgang anhand der Steuerung einer Lichtquelle ohne großen Neuaufbau einer Szene. Poser wird gestartet und zeigt die Figur „Andy2“, so heißt dieses, ähm, weiße Skelettwesen. Dann klicke ich links unten beim Lichtregler auf den obersten der drei grauen kleinen Kreise (= Lampen) über dem „Erdball“ und poser-lichtreglermarkiere somit Lichtquelle 4, was mir ganz rechts oben angezeigt wird (und links oben über dem Hauptarbeitsbereich – >Andy2 >Lichtquelle 4).
Rechts oben unter Lichtquelle 4 befinden sich in der Registerkarte Parameter in der Gruppe Sonstiges nun Regler für Schatten, Qualität, Rot, Grün, BLAU und HELLIGKEIT. Dass manches in Großbuchstaben geschrieben ist, lässt auf die „Sorgfalt“ der Programmierung bzw. Übersetzung schließen.

Um einen neuen Regler hinzuzufügen, der mehrere Eigenschaften von Lichtquelle 4 gleichzeitig steuert, klicke ich rechts oben entweder mit der rechten Maustaste irgendwo auf den Text Lichtquelle 4 oder bemühe das kleine weiße Rechtspfeilchen daneben und wähle dann Neuen übergeordneten Parameter erstellen. Augenblicklich wird unter HELLIGKEIT ein neuer Regler hinzugefügt namens Übergeordnet 1 (diese geistreich aus dem Englischen eingedeutschte Bezeichnung lässt sich später zum Glück ändern). Es hat sich außerdem ein kleines Fenster geöffnet, mit dem man die Zustände aller Regler aufzeichnet.

Poser Keyframe FensterIn diesem Fenster klickt man nun auf Aufzeichnung starten.

Der Regler rechts neben Aufzeichnung starten stellt das identische Bedienelement Übergeordnet 1 dar, mit dem man am Schluss die Bewegungen der anderen Regler steuert. Im Augenblick steht er auf 0,000. Damit er „weiß“, welchen anderen Regler er bei diesem Zustand auf eine bestimmte Einstellung bringen soll, betätigt man nun einen der anderen Regler von Lichtquelle 4. Setzt man beispielsweise HELLIGKEIT von 100% auf 25%, wird Lichtquelle 4 wie erwartet in der Szene dunkler und wird in dem kleinen Keyframe-Fenster mit zwei Zeilen in der Liste Abhängige Parameter eingetragen. Bedeutet: Ist Übergeordnet 1 auf 0,000, ist HELLIGKEIT auf 25%.
Ändert man nun zusätzlich den Regler Schatten von Lichtquelle 4 auf 0, wird dieser Regler ebenfalls in die Liste Abhängige Parameter eingetragen.

Da unser „Master-Drehregler“ (so nennt ihn fälschlicherweise das an der Stelle eher verwirrende als hilfreiche deutsche Referenz-Handbuch) mehr als einen Zustand braucht – man will ihn schließlich etwa von 0,000 auf 1,000 bewegen können, ist es erforderlich, einen zweiten Keyframe zu setzen. Man stellt nun also in dem kleinen Keyframe-Fenster den Wert von Übergeordnet 1 auf 1 (am Rad drehen oder Zahl anklicken und 1 eingeben) und klickt auf den Button Nächster Key. Wenn man jetzt die Regler von Lichtquelle 4, die vorher verändert wurden – also Schatten und HELLIGKEIT – auf 1 und 100% zurückstellt, wird dieser Zustand in Übergeordnet 1 auf Position 1,000 abgespeichert. Man kann dies augenblicklich prüfen, indem man mit dem neu hinzugefügten Regler Übergeordnet 1 unterhalb von HELLIGKEIT herumspielt. Er steuert jetzt Schatten und HELLIGKEIT gleichzeitig. Auf diese Weise lassen sich beliebig viele Keyframes an beliebig vielen Reglerpositionen erstellen (muss also nicht 1 sein, kann auch 0,508 – 1,762 – 4,016 – was auch immer sein). Man könnte so den übergeordneten Regler ohne weiteres mit 10 verschiedenen Helligkeits- und Schatteneinstellungen belegen. Wenn man dann an ihm dreht, werden der Reihe nach alle ihm zugewiesenen Regelzustände durchlaufen.

Die Aufzeichnung wird beendet durch Aufzeichnung stoppen oder durch Schließen des kleinen Keyframe-Fensters.

Übrigens lassen sich gleichzeitig auch andere Regler in diesen einen Master-Regler einbinden, egal auf welcher Ebene sie sich befinden. Man hätte also auf Key 0,000 zusätzlich zu Lichtquelle 4 auch noch den Kopf der Figur anklicken und in eine Ausgangsstellung bringen können, um sie ebenfalls für diesen Regler zu registrieren. Auf Key 1,000 hätte man den Kopf gedreht und/oder nach oben blickend registrieren können. Im Ergebnis steuert dann Übergeordnet 1 sowohl die Helligkeit der Lampe 4 und ihren Schatten als auch die Drehbewegung des Kopfes der Figur. Man muss sich dann nur noch merken, wo man den Regler für dieses komplexe Verhalten eingefügt hat, nämlich unter Lichtquelle 4. Baut man sich mehrere solche umfangreicheren Regler, setzt man im Idealfall vor ihrer Erstellung die Hauptfigur als zu bearbeitenden Parameter (Figur anklicken, rechts oben über dem Register Parameter auf den Namen klicken und Körper wählen) und erstellt dann erst so einen Master-Regler. Auf diese Weise findet man seine Regler immer angezeigt unter dem Namen der Hauptfigur bzw. wenn deren Körper das aktuell aktive Objekt ist.

Für die, die es nicht wissen: Der neue Regler Übergeordnet 1 kann durch Doppelklick auf seinen Namen umbenannt werden. Im folgenden Fenster kann man ihm auch beibringen, sich nur innerhalb bestimmter Grenzen zu bewegen (z. B. von 0,000 bis 1,000 als Min Limit und Max Limit). Dazu muss allerdings, wie oben beschrieben, Bewegungen einschränken aktiviert sein.

Wer komplexere Abläufe auf einen Regler legt, wird feststellen, dass es wie eingangs erwähnt bisweilen zu Konflikten kommt, insbesondere bei Posings. Denn wenn man eine Figur in eine Pose bringt, geschieht das ja durch mehrfaches Betätigen der verschiedensten Regler in einer bestimmten Reihenfolge. Bewegt man dafür am Schluss nur einen einzigen, so werden die einzelnen Gelenke der Figur nicht mehr nacheinander in ihre Position gebracht, sondern gleichzeitig.

poser-key-fenster-mit-keysUm solchen Konflikten begegnen zu können, gibt es in dem kleinen Keyframe-Fenster in der unteren Hälfte einen Bereich, in dem die Bewegung zwischen den Reglerzuständen (in unserem obigen Beispiel 0,000 und 1,000) als Linie dargestellt wird. Man sieht immer die Linie des Elements, das in der oberen Liste Abhängige Parameter ausgewählt ist (Bild hier links ist vergrößerbar, wie schon das vorherige). Klickt man auf diese rote Linie und zieht sie mit der Maus, kann man weitere Zwischenzustände einfügen (also Keys). Man kann diese Linie mit der Maus auch zu einer Kurve biegen, was dazu führt, dass z. B. Bewegungen (oder in unserem Fall die Helligkeitssteuerung) sanft angefangen und abrupt beendet werden können. Die Kurve lässt sich so steil ziehen, dass die Zielwerte (z. B. 100% Helligkeit) gerne auch mal überschritten werden. Um mit der Maus eingefügte Keys zu löschen, zieht man mit dem Mauspfeil einen dunkelgrauen Bereich auf, der die zu löschenden Keys umschließt und betätigt dann die Entf-Taste seiner Tastatur.

Übrigens stellt die senkrechte schwarze Linie den „Cursor“ dar, der demonstriert, an welcher Stelle man sich im fließenden Verlauf zwischen den Reglerzuständen, die man definiert hat, gerade befindet. Er lässt sich mit der Maus verschieben oder alternativ mit dem Bedienungsrädchen von Übergeordnet 1, das bei mir hier grad auf 0,429 steht.

Mit diesem Hilfsmittel lassen sich also im Nachhinein einzelne Reglerbewegungen verzögern oder vorziehen, sozusagen „feintunen“, um unerwartete Bewegungsfehler auszugleichen oder mehrere Morphings timingmäßig aufeinander abzustimmen. Für komplexe Abläufe wie Posings ist es aber ein eher ungeeignetes Mittel. Dafür bietet Poser elegantere Lösungen. Trotzdem finde ich es gerade für Morphings ein sehr mächtiges und hilfreiches Tool.

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